Großer Rahmen / Large Frame
Im "Großen Rahmen" bewegt man sich mit möglichst weiten, gedehnten Bewegungen. Dies ist sehr förderlich für den Aufbau von Kraft, Dehnung, Bewegungsfluss sowie Körpergefühl und sieht auch schön aus, allerdings ist es schwierig, in den derart gelaufenen Bewegungen Präzision und stabilen Bodenpfad zu entwickeln und auf einen sauberen Formlauf, entsprechend den Prinzipien, zu achten. Dies zeigt sich in Wackeligkeit und Unvermögen zur Aktion sobald Druck- und vor allem Zugtests durchgeführt werden. Yang Chen Fu sagte in fortgeschrittenem Alter, dass sein Formlauf nun besser sei als früher - er lief nun nur noch im großen Rahmen - aber bis dahin hatte er auch gelernt, wie man in diesen Positionen die Kontrolle behielt Smilie .

Mittlerer Rahmen / Medium Frame
Im "Mittleren Rahmen" führt man die Bewegungen nur etwa halb so weit aus wie sie maximal möglich wären. Dies gibt dem Übenden auf der einen Seite eine gute Balance zwischen dem Aufbau von Kraft und Dehnung sowie Körpergefühl und Präzision und auf der anderen Seite Verwurzelung und Gegnerkontrolle. Der Bewegungsfluss ist hier etwas schwerer zu erspüren und man kann leicht in einen Formlauf verfallen, der zu sehr auf Statik beruht und etwas hölzern werden kann, aber es ist einfacher, an den Prinzipien zu arbeiten und seine Haltung, besonders die der wichtigen Punkte Schulter- und Hüftgelenk, zu korrigieren. Dies macht sich auch sehr in den Druck- und Zugtests mit einem Partner bemerkbar, bei denen man spürbar mehr Kontrolle über sich und sein Gegenüber erlangt.

Kleiner Rahmen / Small Frame
Der "Kleine Rahmen" nun gilt im Allgemeinen als „Meisterrahmen“. Die Bewegungen und Aktionen sind so „bescheiden“ und klein in der Ausführung, dass man als Außenstehender nicht wirklich sieht, was dort gerade passiert. Wenn sie aber von einem wirklichen Könner angewandt werden, ist das Resultat durchweg verblüffend. Die Bewegungen hier sind, wie man sich schon denken kann, sehr klein gehalten, nah am Körper oder aber mit nur minimaler Bewegung bei längerem Arm. Hierbei kann man am besten nachspüren, was passiert und theoretisch auch am besten die Kontrolle behalten, wenn man gelernt hat, Kraft in diese kleinen Bewegungen hinein zu bekommen. Und das eben ist der Knackpunkt: dafür braucht man viele, viele Jahre intensiven Übens. Im "Mittleren" und "Großen Rahmen" kommt man relativ schnell auf eine allgemeine SV-Tauglichkeit, im "Kleinen Rahmen" braucht man Jahrzehnte - aber man darf ja Ziele haben Smilie .

Wie bei jeder Regel gibt es auch hier Ausnahmen. So gibt es z.B. Positionen in allen drei Rahmen, die auch Schwerpunkte und Funktionen innehaben, die bei den anderen beiden Rahmen den eigentlichen Schwerpunkt bilden, und in denen man trotzdem Power oder Kontrolle hat, obwohl sie eher zu dem jeweils entgegengesetzten Rahmen gehören. Es sind keine starren Regeln, sondern lebendige Übungssysteme, deren Grenzen fließend ineinander übergehen.


Die drei Stände - Kranich, Tiger, Schlange - beziehen sich auf die Laufhöhe/Beinbeugung während des Formlaufs

Der Kranichstand
Diese Laufhöhe ist wohl die Einstiegshöhe für alle ungeübten Einsteiger sowie Leute mit Rücken-, Knie- und Fußgelenksproblemen oder zu hohem Blutdruck. Hier wird die Form in bequemer Höhe gelaufen mit nur ganz leicht gebeugtem Bein und kurzen Schritten, ca. 1:1 im Verhältnis Schrittbreite (Schulterbreit - z.B. ca. 40 cm auseinander) zu Schrittlänge (ebenfalls ca. 40 cm nach vorne). In dieser Weise kann man ganz entspannt die Form laufen, ohne zu befürchten dass einem der Rücken oder die Knie durch Verspannung und Überanstrengung Probleme machen. Daher die Aussage: " .... wer spazieren gehen kann, kann Tai Chi erlernen .... " .

Der Tigerstand
Dies ist die angestrebte „Standardlaufhöhe“. Hierbei ist der Oberschenkel ca. 45 Grad gebeugt und wird in der Regel nicht aus diesem Winkel herausbewegt - von einigen speziellen Bildern, die je nach Übertragungslinie hoch gestanden werden (z.B. "Kranich breitet die Flügel aus") einmal abgesehen. Im Tigerstand baut man seine Beinkraft aus und entwickelt einen guten Bezug zum Boden, und damit ist man einen Schritt weiter zum guten Verwurzeln/Bodenpfad. Hier ist das Verhältnis ca. 1:1,5 im Verhältnis Schrittbreite (Schulterbreit - z.B. ca. 40 cm auseinander) zu Schrittlänge (ca. 60 cm nach vorne).
Immens wichtig ist hierbei eine gesunde Kniehaltung. Wie weit das Knie nach vorne geschoben wird ist nicht so bedeutsam, aber, dass die gedachten Verlängerungslinien von Oberschenkel und Fußmitte (Achillissehne zum 2./3. Zeh) immer deckungsgleich sind. Wenn man darauf achtet, verhindert man eine Verdrehung des Knieapparates und dadurch auch eine schleichende Schädigung oder gar einen Torsionsriss der Bänder/Sehnen.

Der Schlangenstand
Da sind wir nun bei dem schwierigsten Stand angekommen. Hierbei ist der Oberschenkel nahezu waagerecht zum Boden und bleibt ebenso die ganze Zeit dort, wie er im Tigerstand bei ca. 45 Grad bleibt. Wer im Formlauf die „Tiefe Peitsche/Schlange am Boden“ läuft, weiß, dass es dort unten mitunter anstrengend sein kann - vor allem, wenn man auf einen geraden Rücken, aufrechte Haltung, saubere Bein-Knie-Fußachse achtet und auch noch ein entspanntes Lächeln auf den Lippen haben soll - und der Lehrer gerade ein „Stopp“ gerufen hat, um alle Schüler flugs zu korrigieren. Hier ist das Verhältniss ca. 1:4 oder noch größer im Verhältnis Schrittbreite (je tiefer der Stand desto schmaler die Schrittbreite - z.B. ca. 20 cm auseinander) zu Schrittlänge (ca. 80 cm nach vorne).
An diesen Stand tastet man sich nur langsam und gemächlich heran, und damit meine ich jahrelang mit intensivem täglichen Training, ansonsten sind die eventuellen Gesundheits-/Knieprobleme enorm.


Die drei Stile im Yang Familien System

Auch hier unterscheidet man wieder zwischen den drei schon bekannten Tieren Kranich, Tiger und Schlange . Eine genaue Kategorisierung der in den Bereich Kranich- und Tigerstil gehörenden Varianten ist heutzutage schwierig geworden, da es viele Mischformen gibt.
Insofern kann man auch sagen, es gibt zwei Arten von Yang Stil Tai Chi Chuan - den Schlangenstil (jetzt Ip Familien Stil), der immer noch der alten Übertragung entspricht, und "alles Andere". Der Schlangenstil wurde bis vor einigen Jahren nur innerhalb der Vater-Sohn Linie übertragen oder an einen ausgewählten Meisterschüler weiter gegeben, der würdig war, diese Übertragung zu erhalten, falls kein männlicher Nachfahre geeignet oder am Leben war. Da in China gerade die letzten drei Generationen von immenser Bedeutung sind, hat z.B. Ip Tai Tak auf Bob Boyds Meisterschülerurkunde (discipleship certificate) die Authentizität dieser Übertragungsline von sich über Yang Sau Chung bis zu Yang Chen Fu bestätigt.
Einige nahe Schüler und weitere enge Familienangehörige wurden im kompletten Tigerstil unterrichtet. Dieser unterscheidet sich grundlegend in der Form der Ausführung und den Erklärungen der Prinzipien vom Schlangenstil. Der Tigerstil ist geradliniger und ein wenig schwerfälliger (wenn man das im Zusammenhang mit Tai Chi überhaupt so sagen kann) als der Schlangenstil. Der Tigerstil wurde immer nur an so genannte "closed door students", einen engen inneren Zirkel weitergegeben, da auch dieser Stil dem Übenden zu hervorragenden kämpferischen Fähigkeiten verhalf, dem vordringlichen Ziel des Tai Chi Chuan zu dieser Zeit. Dass sowohl der  Schlangen- als auch der Tigerstil einen riesigen Schatz an Entspannungsmöglichkeiten und gesundheitsförderlichen Komponenten beinhaltete, wurde geflissentlich bemerkt, aber wohl als eher als zweitrangig betrachtet, da das vordringliche Ziel war, sich verteidigen zu können. Als das Tai Chi Chuan dann später die abgeschlossenen Innenhöfe verließ und auch - nicht zuletzt durch Yang Chen Fu - zu großer Bekanntheit und Verbreitung gelangte, wurden die Bewegungen noch weiter und "eleganter", aber auch ungefährlicher und im Verhältnis zum ursprünglichen Tiger- und Schlangenstil für den Kampf uneffektiver. Ein grundlegender Nutzen für Entspannung und Gesundheit blieb jedoch erhalten, solange man sich generell an die Prinzipien hielt.
Dann wiederum lehrten die Meisterschüler der "äußeren Kreise" ihrerseits das gelernte Yang Familien Tai Chi Chuan, lernten ein wenig gegenseitig und brachten eigene Ideen der Ausführung hinein, so dass eine klare Unterscheidung zwischen den Ausführungen in Tiger- und Kranichstil nicht mehr möglich war. Es entstanden auch ganz eigene, neue Übertragungslinien daraus, wie z.B. der Wu Familien Stil.

Sind deswegen die "nicht Snake-Style" Übertragungen schlecht? Nein, nicht zwangsläufig. Zumindest für die Gesundheit und die Entspannung sind sie immer noch sehr förderlich, wenn man sich, wie bereits erwähnt, an die Prinzipien der gegebenen Familie hält. Schwierig wird es erst, wenn man Tai Chi Chuan mit esoterischem Müll überfrachtet, welcher doch nur zu gesteigerter Verwirrung führt - oder  in einem Wochenendlehrgang oder Videoseminar gelernt hat, die äußere Form nachzuturnen und dann mit gefährlichem Halbwissen den schnellen Euro verdienen will und dafür dann dieses schicke Label "Taijiquan" oder "Tai Chi Chuan" benutzt, weil es gerade "Hip" ist und viele Leute anzieht.
Je größer die Möglichkeit ist, an die ursprünglichen Übertragungen der jeweiligen Systeme zu gelangen, desto nützlicher und wirksamer ist jedoch die gesamte Tiefenwirkung auf Körper und Geist. So sagen seit jeher die alten Meister "dass Tai Chi Chuan nur dann seine volle Wirkung entfalten kann, wenn man sich auch intensiv mit den Ursprüngen dieser Kampfkunst, nämlich den Anwendungen und den Kampfaspekten, beschäftigt und diese übt, übt und noch mal übt." Nur dann erlangt man ein wirklich tiefgehendes Verständnis und eine Erfahrung für die inneren Abläufe und ist gezwungen, auch die "unbequemen" Muskelgruppen und Körpermechaniken zu aktivieren, die man im einfachen Formlauf allzu leicht umgehen kann, wenn man nur ein bisschen schummelt...

 
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