Was ist Tai Chi Chuan?
Tai Chi Chuan ist eine jahrhundertealte chinesische Kampfkunst mit meditativem Charakter. In ihr lernt man, sich mit entspannter und gedehnter Muskulatur zu bewegen, wobei der Körper im Wesentlichen von den Knochen und Sehnen getragen wird.
Die Tai Chi Chuan-Form besteht aus einer Abfolge von Bewegungen, die langsam, weich und fließend ausgeführt werden und so die innere Energie des Organismus (chinesisch: Chi) stärken und kultivieren. Hierdurch wird einerseits eine heilsame Umgebung für Atmung, Blutkreislauf und Stoffwechsel geschaffen, wobei auch Haltungsfehler im ganzen Körper individuell korrigiert werden, andererseits erlangt man auch eine völlig neue Art von innerer Kraft, die auf dem richtigen Einsatz des ganzen Menschen - Geist und Körper - beruht und nicht auf dem Anspannen und Trainieren einzelner Muskelgruppen. Es gibt verschiedene Familienstile (Chen, Yang, Ip, Wu, WU/Hao, Lee, u.a.) und innerhalb dieser Stile weitere eigene Richtungen, welche mehr oder weniger nah am "ursprünglichen" Stil der jeweiligen Familie liegen.

Gibt es einen Unterschied zwischen Tai Chi und Tai Chi Chuan?
Allgemein meint man damit dasselbe. Genauer betrachtet bedeutet Tai Chi meistens nur die gesundheitsfördernde und meditative Komponente oder aber die chinesische Philosophie des Daoismus.
Bei Tai Chi Chuan dagegen sollte - zusätzlich zu den beiden o.g. Teilen - auch der Kampfkunstaspekt (Push-Hands, Partnerform, Waffen) nicht zu kurz kommen.

Wer kann Tai Chi Chuan erlernen?
Jeder, der normal spazieren gehen kann, ist in der Lage, Tai Chi Chuan zu erlernen. Jedermann, gleich welchen Geschlechts, Alters oder Ausbildung kann Tai Chi Chuan erlernen. Da alle Übungen

Welche Vertiefungen/Ausbaustufen gibt es?
Wer tiefer einsteigen möchte, kann nach der Tai Chi Chuan Solo-Form beginnen, die Waffenformen zu erlernen. Im Ip-Stil werden Waffenformen für das zweischneidige Schwert, den Säbel sowie Stab und Speer geübt, um weitere eigene Qualitäten hervorzubringen. Des Weiteren gibt es auch die San-Shou, die Partnerform, in der man mit festgelegten Bewegungsabläufen den Zweikampf übt sowie die Tui-Shou (Push-Hands) - eine weitere Partnerübung. Die Krönung bildet die "Cheung Chuan", die schnelle Kampfform und die zugehörigen Partnerkampfsets.

Welchen zeitlichen Rahmen kann/sollte man einplanen?
Um die kurze 24er Form (Pekingform/Kurzform) solide zu erlernen, benötigt man ca. 8-12 Monate, für die lange Form sollte man 1 1/2  bis 2 Jahre einrechnen (ausgehend von wöchentlichem Unterricht in einer Schule und ein wenig täglichem Üben zuhause). Man kann den Formablauf auch durchaus innerhalb zweier Wochenendseminare erlernen, jedoch ist es dann eher ein schönes "Tanzen" als Tai Chi, da einem die zugrunde liegenden Prinzipien und Feinheiten fehlen. Für den Feinschliff nimmt man sich dann beliebig viel Zeit, denn man entdeckt immer wieder Neues, je weiter man kommt - wer mag, hat ein Leben lang Zeit, seine Fertigkeiten zu verfeinern ohne dass es langweilig wird.
Die Waffenformen benötigen je nach Trainingsintensität und Auffassungsgabe ebenfalls 8 bis 12 Monate.
Für das persönliche Training gilt der Leitsatz: „Regelmäßig mäßig üben“. Man sollte versuchen, jeden Tag ca. 15-30 Minuten zu trainieren, um seinen Stand zu halten oder zu verbessern. Man kann natürlich auch mehr Zeit investieren, aber bitte nie so viel, dass einem die Lust auf das nächste Mal vergeht.

Worauf sollte man achten und was sollte man berücksichtigen?
Man sollte, wie bei allen Sportarten, vorher seinen Arzt konsultieren, um die eigene Sporttauglichkeit bestätigen zu lassen. Auf jeden Fall sollte man seinen Trainer über bestehende oder chronische Probleme, wie zum Beispiel Herzunregelmäßigkeiten, hohen Blutdruck, Bandscheiben- oder Gelenkprobleme hinweisen, damit dieser beim Training darauf eingehen kann.
Generell wird Tai Chi Chuan auch als Heil- und Rückengymnastik angeboten und führt mittel- bis langfristig zu einer Verbesserung des Gesamtzustandes, wenn die Übungen korrekt ausgeführt werden. Dennoch ist ärztliche Beobachtung und „Absegnung“ angeraten, wenn man schon bestehende Probleme hat. Damit schützt man sich selbst und auch einen hervorragenden Trainer, denn der kann einen auch nur von außen beurteilen und nicht in einen Körper hineinschauen.

Was bedeutet „Tai Chi Chuan“?
Tai: groß
Chi: der Firstbalken (eines Hauses; der Balken, der das Dach trägt)

„Tai Chi“ bedeutet also wörtlich „Der große Firstbalken“ .
In philosophischer Hinsicht ist damit „Das erhabene Letzte“, „Das höchste Gesetz“ oder einfach „Tao“ gemeint. Dieser Begriff entstammt der Jahrtausende alten Mythologie Chinas, die ihren Niederschlag im Buch der Wandlung, dem I Ging, gefunden hat.
ohne Leistungsdruck und übertriebenen Ehrgeiz ausgeführt werden sollen, besteht eigentlich keine Gefahr durch Überlastung oder Verletzungen. Jeder noch so kleine Schritt auf das Ziel zu bringt mehr Leichtigkeit und Bewusstsein ins Leben und macht den nächsten Schritt ein wenig leichter. Da die Form nicht auf dem Einsatz von Muskelkraft basiert, kann man sie bis ins hohe Alter ausüben, um entspannt, wach und agil zu bleiben.

Chuan: die Faust (Boxen, Kämpfen, Kampfstil)
„Tai Chi Chuan“ wird daher auch gerne mit „Höchster, endgültiger Kampfstil“ übersetzt (nicht „Dachbalkenfaust“ Smilie ).
Der Tai Chi Chuan-Boxer folgt der Lehre von Lao Tse, dem Klassiker des Taoismus, der lehrte, dass das Weiche das Harte besiegt. Er sucht seine Stärke im Nachgeben und vermeidet den aggressiven Angriff.

Welche Haltung ist beim Formlauf richtig?
Der Hals ist entspannt und der Kopf aufrecht in Verlängerung der Wirbelsäule.
Die Augen blicken geradeaus oder folgen manchen Bewegungen.
Die Schultern sind entspannt und locker. Die Ellenbogen sinken natürlich, auch wenn wir die Arme heben.
Die Hände sind geöffnet und leicht gewölbt, so als würde man einen Medizinball umfassen wollen. Der Daumen ist abgewinkelt, so dass das „Tigermaul“ geöffnet ist. Dies ist die „Lotoshand“.
Die Brust ist leicht eingesunken, wodurch der Rücken sich gerade stellt.
Die Taille und der Rücken sind locker und entspannt.
Das Becken lässt man entspannt sinken und es wird nicht mit Kraft herunter/nach vorne gezogen.
Bei den Schritten unterscheiden wir klar zwischen "voll" und "leer", wobei unser gesamtes Gewicht immer auf unserem Standbein ruht und das andere, durch sein eigenes Gewicht, sauber am Boden „klebt“. Ein Bein ist immer gebeugt (zumeist das Standbein) und das andere immer gestreckt (aber nie eingerastet oder durchgedrückt). Bei Stellungen, in denen ein Bein exponiert nach vorne steht ("Kranich breitet die Flügel aus", "die Fiddel spielen"...) darauf achten, dass dieses deutlich gebeugt ist, damit es einem Tritt widerstehen kann, denn eine Prellung ist besser als ein Gelenkbruch.
Die Knie befinden sich immer auf einer Linie mit Oberschenkelknochen und Fußrücken. Sie brechen nie zu einer Seite hin aus oder werden verdreht. Auch geht das Knie nicht über die Zehenspitzen hinaus und bleibt idealerweise sogar über der Fußmitte
Der Geist ist entspannt, wachsam und konzentriert

Was ist beim Formlauf zu beachten?
Während man die Form läuft, ist der gesamte Körper leicht und beweglich. Alle Körperteile harmonieren miteinander, nichts wird isoliert bewegt. Um dies zu erreichen, setzt man die Idee von Kraft ein - nicht die massive Muskelanspannung.

Gibt es Absätze oder harte Wechsel in der Form ?
Nein, die gesamte Form wird fließend und ohne Absätze gelaufen. Dennoch wird jede Sequenz klar unterschieden. Dies geschieht durch die Vorstellung/Konzentration, die in die Bewegung gelegt wird. Auch wenn die Form anfangs in Segmente unterteilt wird, um sie besser zu erlernen, so ist der eigentliche Lauf nachher frei von jedwedem Stopp, und dennoch sind alle Bilder einzeln definiert und verwischen nicht ineinander.

Viele Texte beziehen sich auf einen Stand, den sie als „doubleweighted“ bezeichnen. Was bedeutet das?
Doppelgewichtig (doubleweighted) steht man, wenn man nicht klar zwischen "voll" und "leer" unterscheidet, d.h. das Gewicht ganz oder teilweise auf beiden Füßen lastet. Dann ist es schwierig, den Angriffen des Gegners auszuweichen oder zu widerstehen. Auch schnelle Schritte sind nur schwer und anstrengend möglich und man kann leicht geworfen werden. Daher ist es von entscheidender Wichtigkeit, zwischen Yin und Yang, "voll" und "leer", zu unterscheiden und jeden Stand, den man einnimmt, darauf hin zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Viele Stile laufen mit einem 70/30 Stand, dies ist jedoch "fast voll und nahezu leer" und entspricht nicht den Prinzipien.

Viele Tai Chi-Übende sagen, sie laufen die Yang (Ip)-Form. Dennoch sehen fast alle Formen unterschiedlich aus. Woher kommt das ?
Zur Beantwortung der Frage muss man ein wenig weiter ausholen. Dies wurde aus verschiedenen politischen und monetären sowie aus Gründen der Geheimhaltung und Verschleierung getan und geschah nicht nur im Bereich des Tai Chi Chuan, sondern in allen Kampfstilen. Zum einen war es in der damaligen Zeit in China notwendig, sich selbst verteidigen zu können, denn es herrschte große Willkür und Gewalt - auch von Staatsseite. Wenn man über ein hervorragendes Kampfsystem verfügte, hat man dieses nicht jedem in seiner Gänze zugänglich gemacht. Ganz im Gegenteil: selbst die besten und treuesten Schüler hätten sich mit der Verbreitung eines bestimmten Stils gegen einen wenden können - wenn man dann nicht noch ein letztes As im Ärmel gehabt hätte, dann wäre es um einen geschehen gewesen. So wurden die wirklich wichtigen Techniken und Erklärungen zumeist nur innerhalb einer Familie in der Vater-Sohn (=Disciple) -Linie weitergegeben und die "normalen", aber dennoch durchschlagend guten Techniken, dann an die engsten Schüler und letztlich die noch geringeren Techniken an die weitläufigeren Schüler. Dann kamen wiederum reiche und politisch gewichtige Personen zu den verschiedenen Meistern und boten eine Menge Geld dafür, damit einer ihrer Söhne/Gefolgsleute diesen Stil erlernen möge. Da damit auch immer das Damoklesschwert des "in Ungnadefallens" verbunden war, wurden diese "Bezahlschüler" ebenfalls unterwiesen, aber aus oben bekannten Gründen immer nur mit den äußeren Techniken und einigen angeblich "streng geheimen Geheimnissen", woraus sich bis heute die ab und zu gebräuchliche Pyramidenform diverser Schulen/Linien/Verbände gestaltet hat, in der das Geld immer von unten nach oben fließt, hin zum Meister, der die "letzten Geheimnisse" bewahrt und so weiter Geld scheffelt und seine Schüler größtenteils am langen Arm hält oder ihre Entwicklung künstlich abbremst. All dies hat zu einer Vielzahl an Stilblüten geführt, welche aber nicht unbedingt schlecht sein müssen.  Es wurden immer wieder mal öffentlich gelehrte Teile hinzu gefügt, umgruppiert oder gewandelt. Zu jedem Zeitpunkt hat es Lehrer gegeben, die sie weiter gegeben haben, und deren Schüler dann wiederum und so weiter und so weiter. So kommt es, dass es heute eine Vielzahl an Formen auch in der Yang-Familie gibt. Bewertend kann man über diese sagen, dass sie, solange sie sich dicht an die Klassiker halten, alle nützlich sind und der Entwicklung der Übenden dienen. Kritisch wird es erst, wenn die Formen massiv abgewandelt und die Prinzipien außer Acht gelassen werden. Dann kann es zu Energieblockaden, Haltungsproblemen und -schäden, usw. kommen. Eine andere Erscheinung, die bedauerlicherweise zunimmt, ist die  esoterische Vermüllung (gerade bei Tai Chi Chuan) als heilige Erleuchtungspraxis, als Seelenheil oder spirituelle Erhebung. Tai Chi Chuan kann einen durch korrektes Üben entspannen und "befrieden", aber man sollte nie seinen wachen und kritischen Verstand am Eingang einer Tai Chi-Schule abgeben und zweifelhaften Gurus oder geistigen Führern folgen.

Was macht begabte Lehrer und begabte Schüler aus?
Begabte Schüler achten darauf, was der Lehrer macht, kopieren ihn möglichst genau, fragen, wenn sie etwas nicht verstehen, und machen sich die Bewegungen mit der Zeit zu eigen und lernen Varianten. Außerdem üben sie die Form oder einzelne Positionen daraus täglich, um sich zu verbessern - und seien es nur jeweils 10 Minuten. Begabte Lehrer unterrichten verständlich und erklären nicht zu viel (hören sich nicht gerne selbst reden), da man dadurch auch viel Verwirrung erzeugen kann. Wichtiger ist es, den Schüler in die richtigen Positionen hinein zu korrigieren und dann passende Zug- und Drucktests durchzuführen und zu korrigieren, damit der Schüler ein Erlebnis dieser Position hat. Ein Erlebnis prägt sich wesentlich tiefer ein als 100 kluge Sätze. Des Weiteren sollte ein Lehrer die Anwendungen der einzelnen Positionen beherrschen und unterweisen können. Eine nützliche Fähigkeit ist es, die Spreu vom Weizen trennen zu können, den Schülern das zu geben, was sie wollen, und nicht versuchen, ihnen Wissen aufzudrücken, das sie nicht haben wollen. Bei Haltungskorrekturen allerdings sollte er unnachgiebig sein und danach sehen, dass sich keine Fehler einschleifen und dadurch auch Schäden vermeiden. Auch sollte ein Lehrer sich kontinuierlich weiterbilden und mit anderen Lehrern seiner Linie austauschen, damit keine Fehler, keine Steifheit und kein Stolz entstehen.

Wenn zwei Schüler derselben Klasse die Form laufen, sieht sie bei dem einem eckig und bei dem anderen fließend aus. Woher kommt das ?
Dies liegt sehr wahrscheinlich daran, dass ersterer die Form äußerlich läuft, seine Muskeln mit einsetzt und dadurch den Bewegungsfluss unterbricht und sich noch in einem Anfangsstadium befindet. Intention und Entspanntheit sind die Einstellungen, mit denen man die Form laufen sollte, nicht Muskelkraft und Angespanntheit. Es kann aber auch daran liegen, dass der Beobachtende keine klare Vorstellung davon hat, was gerade in der Form geübt wird und daher versehentlich Äpfel mit Birnen vergleicht...

In manchen Texten steht, dass der Mund geschlossen sein soll, während man die Form läuft. Ist das so?
Ja. Über die Mittelachse unseres Körpers läuft eine wichtige Energiebahn (Meridian), welche auf der Vorderseite des Körpers eine sinkende Energie und auf der Rückseite eine aufsteigende Energie transportiert. Wenn nun der Mund geöffnet ist (oder man gerade Kaugummi kaut), ist die Verbindung dieser Bahn gestört, und das gerade dann, wenn wir mit den Energien arbeiten - sprich, die Form laufen. Dadurch, dass wir den Mund geschlossen halten und unterstützend die Zunge noch hinter den Zähnen leicht an den Gaumen legen, kann die Energie (Chi) fließen und steigt uns nicht zu Kopf.
Die ganz profane Wirkung beim Unterricht ist, dass der Geräuschpegel deutlich sinkt :).

Woher kommt Chi (Energie)?
Um es mit Meister Yoda zu sagen: "Es umgibt uns, es durchdringt uns, es ist in uns"  :).
Die chinesische Medizin kennt vielfältige Manifestationen von Chi, z.B. das Chi der Umgebung, der Nahrung, der Luft, usw. All dies wirkt auf uns ein und wird - ähnlich der physisch greifbaren Nahrung/Flüssigkeit - vom Körper umgewandelt zur Abwehr von Krankheiten, Vitalisierung des Geistes, Leiten und Regulation der körperlichen Prozesse, etc. Im Tai Chi Chuan und Qi Gong nun arbeiten wir mit dieser Energie und öffnen die Meridiane des Körpers, damit sie besser fließen kann, und vergrößern unseren Energiespeicher, um vitaler und gesünder zu sein. Nicht zuletzt nehmen wir diese Energie zur Unterstützung/Ausführung der Kampfkunst und Selbstverteidigung. Dies geschieht nicht etwa, um damit mystische Spielchen zu treiben, sondern um uns in der körperlichen Ausführung zu unterstützen. In China wird eine Vielzahl von körperlichen Phänomenen mit dem Wort "Chi" bedacht, allerdings in einem weit weniger mystischen Zusammenhang als hier im Westen.

Wie soll ich mich konzentrieren?
Die Konzentration sollte beim Erlernen der Form auf den einzelnen Bewegungen liegen - wenn man an 1000 andere Dinge denkt, werden die Bewegungen unkoordiniert sein und unsauber. So entsteht mit der Zeit eine Meditationsart, die im Buddhismus „Shine“ (Geistesruhe) genannt wird. Es existiert nur noch die Form und der Geist lernt, sich ungestört auf einen Punkt zu konzentrieren und gleichzeitig zu entspannen. Dies ist dann der Zeitpunkt, am dem man die Form „geschehen“ lässt und nicht mehr über jede einzelne Bewegung nachzudenken braucht und dennoch die volle Wirkung erhält, auch in der Selbstverteidigung.

Tai Chi und Geschwindigkeit - Wie kann ich mich verteidigen, wenn ich die Form so langsam übe?
Die Form ist für die Entwicklung unseres Körpers und Geistes. Sie hilft uns, innere Stärke (Chi) zu entwickeln und zu kultivieren. Des Weiteren schleifen wir die verschiedenen Bewegungsmuster ein, so dass wir später nicht darüber nachdenken brauchen, was wir tun. Die Bewegungen geschehen dann einfach aufgrund eines von außen kommenden Impulses. In der Selbstverteidigung bewegen wir uns natürlich viel schneller und spulen die Form auch nicht hintereinander ab, sondern reagieren flexibel auf alle Aktionen unseres Gegenübers und lassen die Bewegungen ineinander fließen, wie es gerade nützlich ist.

Darf ich in der Form und in der Anwendung Muskelkraft einsetzen?
Nicht mehr als notwendig. Wir brauchen ein gewisses Maß an Muskulatur, um uns bewegen zu können. Alles andere an Energie entsteht dadurch, dass wir uns korrekt entspannen (nicht erschlaffen) und geschmeidig werden wie ein „Schilfrohr im Wind“. Eine starke Eiche kann durch einen Sturm entwurzelt und zerbrochen werden, das Schilfrohr jedoch nicht. Es geht mit dem Wind und neigt sich, so dass es keinen Ansatzpunkt bietet. Ist der Sturm vorbei, richtet es sich elastisch wieder auf. Im Tai Chi arbeitet man mit der Energie, die aus den Bändern und Sehnen entsteht, mit der richtigen Positionierung der Knochen und mit dem Geist (Konzentration) und der körpereigenen Energie (Chi). Wenn man richtig entspannt ist, verfügt man über die größte Kraft. Ein weiteres Bild ist der Vergleich zwischen einem Axtschwinger und einem Peitschenschwinger (die langen Peitschen). Ersterer braucht überwiegend Kraft, um die Axt zu benutzen, zweiterer mehr Technik und Gespür. Im Tai Chi sind wir eher die Peitschenschwinger

Muss man regelmäßig die Tai Chi Form laufen, um sich verteidigen zu können, oder reicht dazu auch das alleinige Üben der „Schiebenden Hände“ (Tui-Shou)?
Die Form ist die Basis für die Selbstverteidigung. Ohne ein profundes Beherrschen der Form und ihrer Variationen, wird man keine gute Anwendung hinbekommen. „Push Hands“ alleine reicht nicht aus, ist aber eine wichtige Ergänzung (genau wie San Shou/Kampftraining), um die Prinzipien und die Dynamik eines Kampfes besser zu verstehen und selbige zu üben.

Was hat es mit dem Satz auf sich: „Mit vier Unzen besiegt man die Kraft von 1000 Pfund"?
Ein Übender des Tai Chi kann einen Gegner, der sehr viel muskulöser oder scheinbar schneller ist als er, besiegen. Durch das „Kleben“ an den Aktionen des Gegners, kann man dessen Kraft neutralisieren, ableiten, seine Balance zerstören und ihn dadurch besiegen. Innere Kraft ist nicht das Gleiche wie Muskelkraft, sie ist schneller und lebendiger. Indem man Tai Chi kontinuierlich übt, kann man sich auch bis ins hohe Alter hinein verteidigen. Geschwindigkeit alleine ist kein Kriterium, wenn man am Gegner „kleben“ kann. Durch dieses Kleben kann man im geeigneten Moment eine Schwäche im Angriff seines Gegners nutzen, um ihn zu besiegen. Ähnlich einem Nasenring, den ein 1000 Pfund schwerer Bulle trägt. Zehn Leute können an ihm schieben und er wird sich nicht bewegen. Ein kleines Kind aber kann ihn an dem Nasenring ziehen und ihn in Bewegung setzen, weil es an genau der richtigen Stelle einwirkt.

Wie kann ich über einen Gegner siegen?
Um einen Gegner zu überwinden, ist es nötig, dessen Verwurzelung und sicheren Stand zu brechen. Man fokussiert z.B. seine Absicht und Technik auf den Gegner nach unten und lässt eine passende Aktion folgen. Der Gegner wird dies häufig durch eine aufwärts gerichtete Bewegung zu kontern versuchen. Indem wir dem keinen Widerstand leisten und ihn ins Leere hinein agieren lassen, zerstören wir seine Balance, Stabilität und letztendlich auch seine Kraft. In diesem Moment ist es leicht möglich, ihn zu überwinden. Das „Geheimnis“ liegt im Wahrnehmen, Interpretieren und Antizipieren der gegnerischen Aktion und der darauf passenden eigenen Reaktion.

Was bedeutet die Anweisung, einem Gegner zu folgen?
Im Tai Chi „klebt“ man an den Bewegungen des Gegners - man folgt allen seinen Bewegungen. Wenn unser Gegenüber zurückweicht, folgen wir - wenn er vordringt, ziehen wir uns zurück. Man widersteht nicht oder hält gegen, sondern weicht aus und lässt die gegnerischen Energien ins Leere laufen. Wenn der Gegner uns stoßen will, ziehen wir ihn. Zieht er sich zurück, dann setzen wir nach, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Indem man den Bewegungen seines Gegners folgt, kann man ihn aus dem (inneren und äußeren) Gleichgewicht bringen und dadurch eine bessere Chance für einen wirklichen Angriff erhalten. Wichtig ist dabei, dass man die Geschwindigkeit seines Gegenübers annimmt. Bewegt er sich schnell, so sind wir auch schnell, ist er langsam, so sind wir es auch. Dies ändert sich nur dann, wenn er angreift (dann verschwinden wir blitzschnell) oder wenn wir ihn angreifen (dann überraschen wir ihn mit unserer Geschwindigkeit). Viele Tai Chi Übende versuchen mit aller Macht, ihren Gegner in eine nachteilige Situation zu bringen und übersehen dadurch vorteilhafte Situationen, weil sie sich an ihre Strategie klammern. Im der Anwendung (und auch im Alltag) sollte man jedoch in jedem Moment im „Hier und Jetzt“ sein und keine Erwartungshaltung nähren. So kann man wesentlich gelassener und entspannter auf eine veränderte Situation eingehen und auf sie reagieren, anstatt von ihr überrollt zu werden.

Wie erfahre ich, was mein Gegenüber plant?
Mit dem Üben der Tai Chi Form bekommt man mehr und mehr ein Verständnis für die Energieabläufe im eigenen Körper. Man spürt, ob die eigene Kraft aus den Schultern kommt, aus dem Rücken oder richtiger - aus dem Zentrum. Je mehr sich dieses „Energiegespür“ (Dong Jin) entwickelt, desto sensibler wird man auch für die Aktionen seines Gegners. Eine gute Möglichkeit, dieses Gespür zu entwickeln, ist die „Schiebende-Hände“ (Tui-Shou) und die Kampf-(San-Shou)-Partnerform, und natürlich Formlauf, Formlauf, Formlauf.............
Dies ist aber eine Entwicklung, die entsprechendes Training benötigt. Man wacht nicht einfach morgens damit auf und erlangt es auch nicht durch noch so intensives Nachdenken oder Kontemplation.

Was sind die 13 Positionen, von denen häufig die Rede ist?

Die Acht Tore sind:
Ablenken/-wehren
Zurückrollen/-ziehen
Pressen/Stoßen
Schieben/Stoßen
Abruptes Ziehen nach unten
Teilen
Ellbogenstoß
Schulterstoß

Die Fünf Schritte:

Schritt vor
Schritt zurück
Blick rechts (mit Schritt nach links)
Blick links (mit Schritt nach rechts)
Zentrales Gleichgewicht/ Blick geradeaus (sinken)
Diese fünf Aktionen werden auch den fünf Elementen (Metall, Holz,Wasser, Feuer und Erde) zugeordnet

Was bedeutet Sifu bzw. Sigung ?
Für diese beiden Worte gibt es heute zweierlei Bedeutungen. Die alte Bedeutung lautet: Sifu = "väterlicher Lehrer" und Sigung = "großväterlicher Lehrer". Dies bezog sich sowohl auf die Qualitäten des Unterrichtenden, d.h. ob er ein "einfacher" Lehrer war (Sifu) oder ein "meisterlicher" Lehrer (Sigung), als auch auf sein Alter (es gab einfach keine jungen Sigungs ).
Im Westen hat sich die umgangssprachliche Bedeutung des Wortes ein wenig gewandelt. Sifu bedeutet zumeist einfach nur Lehrer und Sigung beinhaltet dementsprechend den Meister (des Lehrers), wobei einige Schulen auch die Abstufung Sifu = Meister, Sigung = Großmeister verwenden. Also fragt einfach in der jeweiligen Schule nach, wie euer Lehrer angesprochen werden will, und was der Titel bei euch bedeutet - falls ihr nicht ins Fettnäpfchen treten wollt. Smilie


Gibt es eigentlich eine Kleiderordnung?
Hier eine Info zur Kleiderordnung: bei uns gibt es keine :).
Aber doch einige Einschränkungen: Uhren, Armbänder etc. sind beim Training abzulegen. Ringe, Halsketten und kleine Ohrringe/-stecker können angelassen werden, allerdings auf eigene Gefahr. Beim SV-Training muss jeglicher Schmuck abgelegt werden, um das Verletzungsrisiko für sich und andere nicht unnötig zu erhöhen.

Empfehlungen
Schuhe sollten eine möglichst dünne und flexible Sohle haben und kein Fußbett besitzen. Sie sollten den Fuß nicht einschnüren oder stramm sitzen, sondern bequem sein. Die Zehen sollten nicht zusammengedrückt werden, sondern "Spielraum" haben. Das Material sollte atmungsaktiv sein. Gut geeignet sind nach meiner Erfahrung Kung-Fu- Slipper sowie einige Segeltuchschuhe.
Bei entsprechenden Temperaturen kann auch auf Socken (auf Rutschfestigkeit achten) oder barfuß trainiert werden. Die Füße dürfen allerdings nicht kalt werden!
Oberbekleidung: Leichte (eher weite als figurbetonte) Kleidung, die bei den Bewegungen nicht spannt oder blockiert. Baumwolle oder Leinen sind sehr gut geeignet, Polyester-Jogginganzüge eher ungeeignet. Beim Hosenbund sollte man darauf achten, dass er nicht zu stramm sitzt, da dies die Atmung beeinträchtigt und den Energiefluss hemmen kann. Breite Gummibunde sind hier gut geeignet.

Wozu überhaupt Wu-Shu / Tai Chi Anzüge?
Es gibt einige Gründe dafür, einen solchen Anzug zu benutzen:
1. Es kann helfen, den Alltag abzustreifen und in die Freizeit/das Training einzusteigen. So wie Manager wie ausgewechselt sind, wenn sie ihre „Nadelstreifen“ aus- und die „Schlabberhosen“ anziehen, kann es unterstützen, um sich auf das Training einzustimmen.
2. Sie erfüllen fast immer die Anforderungen an Stoff und Bequemlichkeit und sind darüber hinaus auch belastbarer als normale Freizeitkleidung (ist für die Anwendung/SV wichtig, nicht so sehr für das reine Formtraining).
3. Sie sehen einfach schick aus.

Und einige Gründe, die dagegen sprechen:
1. mit 35.- bis 60.- € relativ teuer
2. Aversion gegen „Uniformen“
3. man fühlt sich unwohl in solch ungewohnter Kleidung


Falls Sie weitere Fragen haben sollten, schicken Sie einfach eine E-Mail an:
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